PORTRÄT

Zu Beginn das Porträt einer ehemaligen Bewohnerin:

Name: Ayten
Geboren: 14. April 1958  in der Türkei

1. Mal im Frauenhaus: 18. Dezember 1989 bis 30.Juni 1990
2. Mal im Frauenhaus : 8. November 1991  bis 15. Dezember 1992
Familie: Zwei erwachsene Töchter (19 und 21), geschieden
Beruf: Servicekraft im Wananas

Es war kurz vor Weihnachten 1989, als Ayten hochschwanger ins Herner Frauenhaus zog. Sie sollte ihr zweites Kind noch in Deutschland bekommen, danach wollte die Familie aufbrechen in die Türkei, wo der Hausstand schon wartete. Aber Ayten hielt die Schikanen ihrer Schwiegereltern nicht mehr aus, mit denen sie auf kleinstem Raum zusammenlebte.

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Fünf Jahre lang hatte Ayten den Sohn des Mannes großgezogen, bevor sie selbst Mutter wurde, und in dieser Zeit festgestellt: „Alle haben meinen Mann für einen Engel gehalten, weil er so sanft war. Aber er hatte einen starken psychischen Einfluss.“Er bestimmte über ihr Leben, verbot ihr sogar, den Führerschein zu machen. Jetzt hatte Ayten genug. „Ich bin geduldig. Aber manchmal fehlt nur ein Tröpfchen, dass ich sage: Jetzt ist Schluss.“
Kaum hatte sie sich im Herner Frauenhaus eingerichtet und ihre zweite Tochter geboren, da hatte ihr Mann sie ausfindig gemacht. Tag und Nacht stand er in der Nähe, schlief im Auto und beobachtete sie. „Dann bekam ich einen Anruf, dass mein Bruder in der Türkei sehr krank wäre.“ Ein Trick. Sie reiste hin und blieb anderthalb Jahre.
Bis sie erneut floh, mit den beiden Töchtern und einem abgelaufenen Pass. Im Frauenhaus blieb sie diesmal über ein Jahr. Als sie sich eine Wohnung suchte, nistete sich trotz aller Warnungen bald der Mann wieder ein. Für Ayten, die eigentlich Altenpflegerin werden wollte, begann eine extrem harte Zeit. Das Paar betrieb zwei Trinkhallen, Ayten arbeitete bis zum Umfallen, versorgte Haushalt und Kinder und magerte ab. Sogar ein Kopftuch trug sie: „Ich hatte keine Zeit, mir die Haare zu machen.“
In all den Jahren reißt der Kontakt zum Frauenhaus nicht ab. Wider besseres Wissen lässt sich Ayten immer wieder auf neue Projekte ihres Mannes ein. Die Trinkhallen werden verkauft, ein größeres Haus angeschafft. Als die ältere Tochter auszieht, spitzen sich die Verhältnisse zu. „Zum Schluss hat er uns alle rausgeschmissen.“
Ayten zieht mit der Jüngeren bei ihrer Schwester ein und baut sich langsam ein eigenes Leben auf. Von Hartz IV will sie nicht abhängig sein. Nach Ein-Euro-Jobs findet sie Arbeit bei der Gemeinnützigen Beschäftigungsgesellschaft an der Südstraße, im Bistro und in der Küche. Bis ihr Chef ihr eine Stelle im Wananas anbietet, wo sie seit zwei Jahren als Servicekraft beschäftigt ist.
Im März ist ihr Ex-Mann gestorben. Die Töchter studieren beide, die eine Wirtschaft, die andere Sozialarbeit. Nach den Jahren der Abhängigkeit ist Ayten angekommen. „Ich fühl‘ mich  frei wie ein Vogel. Keiner mischt sich mehr ein.“ Sie hat lange gebraucht, um ein eigenständiges Leben zu führen. Früher kam sie immer zum Schluss. „Jetzt zieh ich alles durch.“

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Das Gespräch wurde im April 2011 von Ute Eickenbusch geführt.

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